Im Jahr 1931 prägte der Schriftsteller James Truslow Adams den Begriff des amerikanischen Traums, eines „Traums, von einem Land, in dem das Leben für jeden Menschen besser und reicher wird, mit Entfaltungsmöglichkeiten für alle gemäß ihren Fähigkeiten und Errungenschaften.“[1] Knapp ein Jahrhundert später ist dieser Traum für die meisten US-Bürger ausgeträumt. Eine verarmte Arbeiterklasse und absteigende Mittelschicht, endlose Kriege und eine tiefe politische Spaltung prägen das Land der einst unbegrenzten Möglichkeiten. Auch andere westliche Länder sind in den Sog des Niedergangs hineingeraten: Großbritannien, Italien, Frankreich und inzwischen auch Deutschland sind gezeichnet von einer fortschreitenden Deindustrialisierung und zunehmenden politischen Verbitterung großer Teile der Bevölkerung. Währenddessen erlebt ein Land einen rasanten Aufstieg, das noch vor 50 Jahren zu den vier ärmsten Nationen der Erde gehörte: China. Staatschef Xi Jingping spricht schon seit den 2010er Jahren in unverblümter Aneignung des US-Mythos vom „chinesischen Traum“.
Im Westen geht dabei die Angst vor einem übermächtigen China um. Die deutsche Bundesregierung und die EU haben das Land zu einem „systemischen Rivalen“ erklärt. Doch wie berechtigt ist diese Angst? Und wie viel Wirklichkeit steckt in dem chinesischen Traum?
Der Weg aus der Armut
Ökonomisch sind die Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre nicht nur beeindruckend, sondern in ihren Dimensionen ohne Beispiel in der menschlichen Geschichte. China ist heute für etwa ein Drittel des weltweiten industriellen Outputs verantwortlich. Es stellt mehr Produkte her als alle G7-Staaten zusammen (USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Kanada). 800 Millionen Menschen sind laut Weltbank aus der absoluten Armut befreit worden und inzwischen zu einem bescheidenen Wohlstand gelangt – das erfolgreichste Armutsbekämpfungsprogramm der Geschichte.[2] Die meisten von ihnen wohnen mittlerweile in Städten. Wer das einst agrarisch geprägte Land heute bereist, wird überwältigt von der Zahl und den Dimensionen der Hochhausstädte, die in den letzten Jahrzenten überall wie Pilze aus dem Boden gesprossen sind. Wenn man zum Beispiel mit Hochgeschwindigkeitszügen – bei konstanten 350 Stundenkilometern – in China unterwegs ist, vergehen kaum wenige Minuten, ohne dass sich im Fenster die Umrisse neuer Betonstädte abzeichnen. Ihre Namen sind auf einer Chinakarte, die einige Jahre alt ist, oft noch gar nicht zu finden.
Zhengzhou, eine einst bescheidene Provinzhauptstadt mit einigen Hunderttausend Einwohnern, zählt heute 12 Millionen Bewohner, etwa so viel wie der Großraum von Paris. Ein Geflecht von Stadtautobahnen und zehnspurigen Straßen zieht sich durch schier endlose Wolkenkratzerviertel. Hier wurden in den Fabriken des Elektronikgiganten Foxconn ein Großteil der Smartphones von Apple hergestellt. Im Volksmund spricht man nicht umsonst von „iPhone City“. Inzwischen hat Foxconn einige Kapazitäten an andere Standorte verlagert. Dafür baut der Automobilhersteller BYD dort die größte Autofabrik der Erde, mit einer Fläche von der Größe San Franciscos. Die Tesla-Gigafactory in Texas passt zehnmal auf diese Fläche, das VW-Stammwerk in Wolfsburg wirkt wie ein Dorf dagegen. Alle vier Sekunden läuft hier bereits ein neuer PKW vom Band, in einigen Jahren soll jede Sekunde ein Auto das Werk verlassen.
Alle in Zhengzhou hergestellten Fahrzeuge sind Elektroautos. Die günstigsten sind in China für rund 11.000 € zu haben – und vergleichbaren deutschen Modellen, die drei bis viermal so viel kosten, deutlich überlegen. Eine Vollaufladung des BYD-Akkus dauert inzwischen weniger als zehn Minuten – bei einem VW ist es im besten Fall noch eine halbe Stunde. Die deutsche Automobilbranche, die den Trend zu E-Mobilität lange verschlafen hat, hinkt deutlich hinterher. Die EU hat mit Zöllen reagiert, um den hiesigen Markt zu schützen. Doch damit bleiben E-Autos in Europa teuer, die unausweichliche Modernisierung der Mobilität verzögert sich weiter, die EU gerät noch weiter ins Hintertreffen.
Chinas schwerer Weg in die Moderne
Chinas geradezu explosionsartiger Aufstieg hat eine lange und steinige Vorgeschichte, die mit einem katastrophalen Abstieg begann. Noch im 17. und 18. Jahrhundert hinein war das Reich der Mitte Europa in vieler Hinsicht überlegen. China brauchte aus Europa kaum Produkte, es stellte fast alles selbst und in besserer Qualität her: Stoffe, Glas, Keramik, Schiffe, Infrastrukturen wie die berühmten Bewässerungskanäle. Dementsprechend war die Handelsbilanz des Westens mit China über Jahrhunderte negativ – wie auch heute wieder. Doch die Kaiser der Qing-Dynastie und ihr Beamtenstaat verschliefen die Industrialisierung in Europa. Als Großbritannien dann im Ersten Opiumkrieg 1839 mit seinen kohlegetriebenen Kanonenboten in China einfiel, hatte die Regierung in Beijing den Europäern kaum etwas entgegenzusetzen. Die Folgen dieser und der noch folgenden Invasionen stürzten das Land ins Chaos. Durch die sogenannten „ungleichen Verträge“ gewaltsam zur Öffnung für westliche Handelsgesellschaften, Missionare und Drogen gezwungen, versank das Reich der Mitte zunehmend in Bürgerkriegen und Kriminalität.
Von diesem für den Westen ausgesprochen unrühmlichen Kapitel der Geschichte – an dem auch Deutschland beteiligt war – erfahren wir leider in der Schule nichts oder wenig. Für Chinesen hingegen ist die Epoche vom Ersten Opiumkrieg bis zur Gründung der Volksrepublik im Jahre 1949 als „Jahrhundert der Erniedrigung“ tief in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Nie wieder, so das Credo heute, darf sich China fremden Mächten ausliefern, es muss wirtschaftlich und militärisch stark genug sein, um erneuten Invasionen standzuhalten. Der chinesische Wiederaufstieg zur Weltmacht wird daher auch als Lebensversicherung verstanden.
Tatsächlich hat die Gründung der Volksrepublik den Bürgerkriegen, der wirtschaftlichen Ausplünderung und der Einmischung fremder Staaten ein Ende gesetzt. Doch der Weg in die Moderne war weit. 1955 rief Mao den „Großen Sprung nach vorn“ aus: Durch dezentrale Eisenherstellung sollte in wenigen Jahren Großbritannien in der Metallherstellung überholt werden. Das Ergebnis war allerdings ein Desaster: Nicht nur war das Eisen großenteils unbrauchbar, die Bauern hatten auch in einer Zeit der Dürre die Ernten vernachlässigt, eine verheerende Hungersnot war die Folge. 1963 kündigte Premierminister Zhou Enlai „vier Modernisierungen“ an, in Landwirtschaft, Industrie, Verteidigung und Wissenschaft. Doch die von Mao und seiner Frau Jiang Qing in Gang gesetzte „Kulturrevolution“ (1966-76) stürzte das Land erneut ins Chaos und warf es wirtschaftlich weit zurück.
Sozialismus mit chinesischer Prägung
Erst unter Deng Xiaoping wurde im Jahr 1978 eine tiefgreifende Reform- und Öffnungspolitik initiiert, die das Land in eine neue Ära katapultieren sollte. Deng führte dafür den Begriff „Sozialismus mit chinesischer Prägung“ ein, der bis heute für Chinas Selbstverständnis zentral ist. Während alles Grundeigentum nach wie vor in Staatshand blieb, wurde die Landwirtschaft teilprivatisiert: Jede Bauernfamilie war nun selbst für Gewinn und Verlust verantwortlich, was die Produktivität erheblich steigerte. Zugleich wurden sogenannte Sonderwirtschaftszonen geschaffen, um ausländische Direktinvestitionen anzuziehen. Eine davon war der Fischerort Shenzhen nahe Hong Kong. Heute zählt die Gemeinde 17 Millionen Einwohner und gilt als das neue Silicon Valley, das sein kalifornisches Vorbild bald überrunden könnte.
Dengs Reformen öffneten eine Büchse der Pandora. Durch Privatisierungen von Staatsbetrieben wurde einige, die über gute Regierungskontakte verfügten, über Nacht zu Millionären, manche bald zu Milliardären. Währenddessen schufteten Arbeiterinnen bis zu 16 Stunden am Tag in den Sonderwirtschaftszonen für einen Minilohn, um Schuhe, Kleidung und Elektronik herzustellen – großenteils für westliche Konzerne wie Nike, Adidas oder Apple, die dadurch ihre Gewinnspannen vervielfachen konnten. Während das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in den folgenden Jahrzehnten um das 48fache wuchs, vergrößerte sich zugleich die Schere zwischen Arm und Reich dramatisch. Der „Sozialismus chinesischer Prägung“ ähnelte mehr und mehr einem Kapitalismus mit sozialistischem Anstrich. Die von Studenten getragene und blutig niedergeschlagene Protestbewegung von 1989 richtete sich nicht zuletzt auch gegen die negativen Auswüchse dieser Politik.
Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen waren auch in den 2000er Jahren noch weit verbreitet. Der iPhone-Hersteller Foxconn etwa – dessen Zentrale nicht in der Volksrepublik liegt, sondern in Taiwan – sorgte im Jahr 2010 durch eine Reihe von Selbstmorden aufgrund katastrophaler Arbeitsbedingungen für Skandale.
Mit der Übernahme zentraler Machtpositionen durch den heutigen Staatspräsidenten Xi Jinping im Jahr 2012 änderte sich jedoch die Richtung spürbar. Xi rief eine Politik des „gemeinsamen Wohlstands“ aus, der die Mittelschicht stärken sollte. Der sogenannte Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit in der Gesellschaft misst, verringerte sich laut Weltbank in den folgenden Jahren deutlich – während er in den USA immer weiter zunahm.[3] Obwohl die meisten Chinesen heute noch immer viel und hart arbeiten, haben sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen verbessert. In ganz China gilt heute die 40-Stunden-Woche – wobei es in der Praxis auch zuweilen mehr werden kann.
Der Staat hat das letzte Wort
Ganz anders sah das Programm von Jack Ma aus, dem milliardenschweren Chef des Alibaba-Konzerns, der chinesischen Variante von Amazon. Im Jahr 2019 propagiert er lautstark das sogenannte 996-Modell: Alle Chinesen sollten jeden Tag von 9 bis 21 Uhr arbeiten und das sechs Tage pro Woche. Doch daraus wurde nichts. Aus bisher nicht genannten Gründen zog sich Ma kurze Zeit später aus der Öffentlichkeit zurück. Insider vermuten, dass die Regierung ihn dazu gedrängt hat, weil er rote Linien überschritten hatte.
Dass die Regierung den mächtigen Alibaba-Chefs in seine Grenzen gewiesen hat, ist typisch für das Verhältnis von Staat und Großkapital in China. Und das nicht erst seit Gründung der Volksrepublik. Schon in der dynastischen Zeit waren die Kaiser und ihre Beamten bemüht, die Macht der Kaufleute nicht soweit anwachsen zu lassen, dass sie die Staatsmacht untergraben könnten. Das entspricht auch der konfuzianischen Staatsideologie, die im heutigen China wieder eine große Rolle spielt.
Dass China nach den turbokapitalistischen Exzessen der Deng-Ära die Richtung ändern konnte, um Gemeinwohlprinzipien stärker zu verankern, war nur möglich, weil der Staat niemals die Kontrolle über die Schlüsselbereiche Grund und Boden, Bankenwesen, Energie und Infrastrukturen aufgegeben hatte. Das erlaubt der Regierung langfristige Planungen und die Umsetzung strategischer Entscheidungen – anders als im Westen, wo infolge umfassender Privatisierungen die Staaten und Gesellschaften oft Spielbälle der Finanzmärkte wurden.
Das Projekt einer ökologischen Zivilisation
Die wilde Industrialisierung der Deng-Ära hatte China auch in eine Umweltkatastrophe epochalen Ausmaßes gestürzt: Verschmutzte Flüsse, vergiftete Böden, kontaminiertes Grundwasser, hohe Treibhausgasemissionen und dichter Smog in den Städten waren ein hoher Preis für die rasante Entwicklung. Doch unter der Aegide von Xi – die bisweilen auch als „Sozialismus chinesischer Prägung 3.0“ bezeichnet wird – gab es auch hier eine Wende. Ab 2012 wurde das Projekt einer „ökologischen Zivilisation“ als zentrales Staatsziel ausgerufen.[4] „Blaues Wasser und grüne Berge sind Silber und Gold“, wird der Staatspräsident oft zitiert. Auch wenn sich angesichts von Megastädten, Betonwüsten, gigantischen Shopping-Malls und Autobahndschungeln die Frage erhebt, wie denn eine solche Zivilisation jemals ökologisch werden soll, gibt es spürbare Erfolge zu vermelden.
China ist heute global führend im Bereich der Aufforstung.[5] Ein Viertel der weltweit über die vergangen 20 Jahre wiederbegrünten Flächen befindet sich in China. Die sogenannte „Grüne Mauer“ im Norden des Landes, die Beijing vor der vorrückenden Wüste Gobi schützen soll, ist das größte Aufforstungsprojekt der menschlichen Geschichte. Bisher wurden dort bereits rund 80 Milliarden Bäume gepflanzt, eine Fläche von der Größe Großbritanniens.[6] Allerdings ist der Bewuchs mit schnell wachsenden Pappeln und Tannen auch mit negativen Konsequenzen für den Grundwasserspiegel und die Artenvielfalt verbunden, wie Umweltschützer kritisch anmerken. Trotz dieser Probleme konnte die Desertifikation wirkungsvoll eingedämmt werden und eine der größten neuen Kohlenstoffsenken der Erde geschaffen werden.
Auch in den Städten genießt die Begrünung höchste politische Priorität. Die großen Boulevards mit zehn, zwölf oder gar 16 Spuren, die typisch für die futuristischen Städte sind, wurden fast überall mit mehreren Baumreihen bepflanzt, was nicht nur das Stadtklima erheblich verbessert, sondern auch die Ästhetik der Hochhauswüsten. Bei den Stadtplanungen werden in der Regel große Volksparks als Grünschneisen mitgeplant. Anders als etwa in Berlin werden Grünflächen auch mit großen Aufwand gepflegt. In Beijing und anderen Städten sind nachts Tankwagen unterwegs, um jeden einzelnen Baum zu bewässern.
Lagen noch vor 20 Jahren die dreckigsten Städte der Welt in China, so ist die Luft in Beijing und anderen Metropolen heute überwiegend klar. Das Gesetz zur Verhütung und Kontrolle von Luftverschmutzung hat strenge Grenzwerte für Industrie und Kraftwerke eingeführt.[7] Auf den Straßen dominieren Elektroautos, leicht zu erkennen an den grünen Nummernschildern. Bei motorisierten Zweiränder sind ausschließlich E-Scooter erlaubt. Das macht nicht nur die Luft sauberer, sondern die Städte auch wesentlich leiser. Sowohl Zentralregierung als auch Kommunen fördern sehr effektiv einen schnellen Übergang zur E-Mobilität. Im chronisch verstopftem Shanghai mit seinen 25 Millionen Einwohnern etwa muss man für die Zulassung eines Verbrenners jahrelang warten und etwa 10.000 € bezahlen, während die Zulassung eines E-Autos sofort und ohne Zusatzkosten möglich ist.
Der Strom ist in China nicht nur wesentlich billiger als Benzin – die Kilowattstunde ist dreimal so günstig wie in Deutschland–, er kommt auch zunehmend aus erneuerbaren Energiequellen. China baut zwar noch immer neue Kohlekraftwerke, doch zugleich gewaltige Solar- und Windparks, insbesondere in den Weiten des wenig besiedelten chinesischen Westens, wo Sonne und Wind im Überfluss vorhanden sind. Da sowohl der Energie- als auch der Bankensektor noch überwiegend in staatlicher Hand sind, können Finanzierung und Umsetzung politisch gelenkt und beschleunigt werden. Das gilt auch für lokale Projekte wie etwa die Installation von Solarpanelen auf Hausdächern. Während es in Deutschland endlose Querelen um Vergütungen gibt und sich die Vorgaben mit jedem Regierungswechsel ändern – was erhebliche Risiken für Hausbesitzer bedeutet –, übernimmt in China der Staat das Risiko. Wo Solarinstallationen in Kommunen sinnvoll sind, finanziert die Regierung den Bau, die Nutzer bezahlen zunächst einmal nichts, müssen aber einen Teil des Stroms ins Netz einspeisen. So gibt es für die Bevölkerung praktisch keine unmittelbaren Kosten und keinen Grund, sich dem Wandel zu widersetzen.
Insgesamt hat China seine Investitionen in erneuerbare Energien seit 2015 auf 625 Milliarden US-Dollar pro Jahr verdoppelt.[8] Das ist dreimal so viel, wie alle Mitgliedsländer der EU in diesen Sektor investieren.[9] Das Ziel: eine durch und durch elektrifizierte und solarbasierte Ökonomie bis 2060. Der chinesischen Regierung geht es dabei nicht allein um ökologische Ziele, sondern auch um eine schnelle Reduktion der Abhängigkeit von Öl und Gas. Der Iran-Krieg und die Schließung der Straße von Hormuz haben einmal mehr gezeigt, wie gefährlich diese Abhängigkeit ist.
Schon heute kann China in sämtlichen Schlüsselbranchen alles, was es braucht, selbst herstellen – mit der Ausnahme der schnellsten Hochleistungsprozessoren, bei denen der US-Hersteller NVIDIA noch die Nase vorn hat. Wenn das Reich der Mitte auch in der Energieerzeugung weitgehend unabhängig wird, koppelt es sich noch weiter von geopolitischen Risiken ab. Die EU hingegen bleibt aufgrund ihrer strategisch planlosen Energiepolitik auf unabsehbare Zeit gebunden an die dreckigen, überteuerten und hochgradig volatilen Öl- und Gaslieferungen aus den USA und den Golfstaaten.
Der Preis des Aufstiegs
Bei all diesen positiven Entwicklungen sollte man aber nicht die Schattenseiten des chinesischen Aufstiegs aus den Augen verlieren. China ist heute eine Leistungsgesellschaft mit enormem Konkurrenzdruck. In Shanghai – der teuersten Stadt Chinas – kostet eine Eigentumswohnung inzwischen 8 Millionen Yuan – etwa eine Million Euro. Selbst mit einem für chinesische Verhältnisse sehr gutem Gehalt von etwa 2000 Euro im Monat ist das kaum erschwinglich. Und wenn, dann nur, wie man in Shanghai sagt, als lebenslanger „Sklave der Banken“. Wer heiraten will, muss meist Wohnung und Auto vorweisen. Die Folge ist, dass viele Chinesen sich in einer erschöpfenden Tretmühle befinden, um eine Familie gründen und ernähren zu können – wobei meist sowohl Mann und Frau arbeiten. Wer nach einem langen harten Tag in einer fensterlosen Fabrik bis zu zwei Stunden Fahrweg im 24. Stockwerk seiner Betonburg ankommt, schafft es oft kaum noch, den Fernseher anzumachen. Der chinesische Traum kann in der Realität ein sehr trostloses Gesicht haben. Nicht anders als einst der amerikanische, dessen Schattenseiten Arthur Miller schon 1949 in seinem Theaterstück „Tod eines Handlungsreisenden“ verewigte.
Soziale Entwurzelung und Einsamkeit sind im heutigen China ein großes Problem. In wenigen Jahrzehnten sind 75 Prozent der ländlichen Bevölkerung – rund 600 Millionen Menschen – in die Städte umgesiedelt, um in der Industrie zu arbeiten. Zwar wurde dadurch die extreme Armut überwunden, doch zugleich zerbrach das Netzwerk nachbarschaftlicher Beziehungen aus dem Dorf. Ein Einwohner Shanghais berichtete wehmütig, dass man im fernen Chengdu in der Provinz Sichuan noch hier und da kartenspielende Menschen auf der Straße beobachten könne – ein an der Ostküste weitgehend verschwundener Anblick. An die Stelle sozialer Kontakte tritt der Konsum – oder auch nur der Traum davon. Shanghais berühmte Einkaufsmeile in der Nanjing Road übertrifft zwar in ihren Dimensionen alles, was wir in Deutschland kennen, und lässt von Prada bis Gucci nichts vermissen. Doch nur eine sehr überschaubare reiche Schicht kann sich dies leisten.
Der Wettlauf um eine Chance auf Aufstieg beginnt schon im Kindergarten, wo bereits Wettbewerbe veranstaltet werden. In der Schule nimmt der Druck dann weiter zu, vor allem wenn man einen guten Abschuss anstrebt. Von den gut 3000 Hochschulen im Land gelten etwa hundert als Top-Universitäten, die gute Jobs garantieren. Neun von ihnen gehören zur elitären C9-Liga. Doch um dort aufgenommen zu werden, liegt die Latte enorm hoch. Viele Schüler der Oberstufe absolvieren eine Sieben-Tage-Woche mit bis zu zwölf Stunden Lernen pro Tag. Wenn die reguläre Schulzeit, die zwischen sieben und acht Uhr früh beginnt, um 17 oder 18 Uhr endet, folgen noch Hausaufgaben, manchmal bis Mitternacht. Am Wochenende ist dann Nachhilfeunterricht angesagt.
Dieser massive Leistungsdruck setzt sich oft im Arbeitsleben fort und lässt kaum Raum für Erholung, Familie und Freundschaften. Eine zunehmende Anzahl psychischer Erkrankungen ist eine der Folgen. Nach WHO-Angaben leiden 54 Millionen Menschen in China unter Depressionen, 41 Millionen an Angststörungen.[10] In westlichen Ländern sind die Zahlen teilweise noch deutlich höher, aber auch hier holt China auf.
Systemischer Rivale oder Partner?
Während europäische und amerikanische Unternehmen jahrzehntelang von den billigen Löhnen in China profitierten und unsere Regierungen China entsprechend hofierten, hat sich der Wind inzwischen gedreht. China wird zunehmend als Bedrohung präsentiert. Der Grund ist einfach: Das Land produziert inzwischen nicht mehr in erster Linie für westliche Konzerne, sondern hochwertige eigene Produkte, gegen die so manches westliches Unternehmen auf einem freien Markt kaum noch konkurrenzfähig ist. Während der Westen diesen Aufstieg durch Technologietransfer mit ermöglicht hat, will er nun von den Konsequenzen nichts wissen. Die Predigten vom freien Markt, welche die Wirtschaftspolitik der USA und der EU jahrzehntelang dominierten, sind einem neuen Protektionismus gewichen.
Die Frustration über den eigenen relativen Abstieg hat sich in den letzten Jahren auch in diplomatisch wenig hilfreichen Äußerungen entladen, etwa als die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock den Staatspräsidenten als „Diktator“ bezeichnete, so wie es Joe Biden vor ihr getan hatte.
Gewiss: China ist nicht das, was man im Westen als Demokratie bezeichnet, auch wenn auf lokaler Ebene und in den Partei- und Parlamentsstrukturen durchaus gewählt wird. Das System ist aber auch keine Diktatur, sondern lässt sich eher als Expertokratie verstehen: Auf allen Ebenen, von der lokalen bis zur nationalen, werden Erfahrungen ausgewertet und in die Entscheidungsinstanzen von Partei und Regierung transferiert, deren Beschlüsse wiederum von Gremien des Volkskongresses eingehend geprüft werden. Das macht China in praktischen Belangen so lernfähig und effizient.
Zugleich aber herrscht auf ideologischer Ebene eine große Angst vor Öffnung. Eine freie Presse gibt es nicht. Die meisten Medien sind staatlich, die wenigen privaten Medien kennen ihre Grenzen genau. Das geben Journalisten auch unumwunden zu. Der Tenor lautet: in erster Linie gute Nachrichten verbreiten, die der großen Saga vom Aufstieg dienen. Dementsprechend sind auf den rund 20 Kanälen des staatlichen Fernsehens CCTV vor allem Naturfilme zu sehen, Interviews mit erfolgreichen Unternehmern und staatsnahen Fachleuten, große Heldenepen über den Sieg gegen die japanischen Besatzer und zunehmend auch Historienfilme aus der Kaiserzeit.
Die eingeschränkte Meinungsfreiheit ist zweifellos eine der unschönen Seiten Chinas. Aber geht davon eine ernsthafte Bedrohung für den Westen aus? Das wäre nur dann der Fall, wenn China die Absicht und die Fähigkeiten entwickeln würde, sein System der Welt mit Gewalt aufzuzwingen. Besonders in den USA sind solche Fantasien bisweilen zu hören. Doch diese Sicht ist meist von einer Unkenntnis der Geschichte und der politischen Motive Chinas geprägt. Zweifellos will China wieder zu einstiger Größe zurückfinden, das ist überall zu spüren. Wer etwa den wiederaufgebauten Palast der Kaiserin in der einstigen Hauptstadt Luoyang besucht, erlebt eine perfekte Inszenierung von Glanz und Größe. Aber diese Größe war und ist nicht auf Weltherrschaft gegründet wie es der westliche Führungsanspruch über Jahrhunderte war. China hat niemals ein Kolonialreich aufgebaut, obwohl es die Mittel dazu gehabt hätte. Immerhin verfügte es einst über die mit Abstand größte Flotte der Welt und bereits Jahrhunderte vor den Europäern über Schwarzpulver. Das Reich der Mitte setzte auf Stärke durch Handel, nicht auf eine militärische Eroberung der Welt. Die meisten Kriege galten der Sicherung der Grenzregionen.
Heute besteht das zentrale sicherheitspolitische Anliegen der chinesischen Führung darin, eine Wiederholung ausländischer Einmischung wie im „Jahrhundert der Erniedrigung“ zu vermeiden. Nie wieder soll China erpressbar sein, nie wieder sollen fremde Truppen chinesischen Boden betreten. Und dazu gehört nach chinesischem Verständnis auch Taiwan, das seit den 1970er Jahren von den Vereinten Nationen, den USA und allen europäischen Ländern als Teil von China anerkannt wird.
Eine vernunftgeleitete Außenpolitik täte gut daran, die Geschichte Chinas zu verstehen und seine Sicherheitsinteressen zu respektieren. Das ist eine entscheidende Voraussetzung für einen friedlichen Übergang in eine multipolare Ordnung.
Der zunehmend konfrontative Ton aus dem Westen wird in China überwiegend mit Bedauern, teilweise mit Unverständnis registriert. Man betont, wie viel China vom Westen gelernt habe. Für die politische Steuerung einer Marktwirtschaft etwa hat sich Beijing vom französischen Modell, das noch bis in die frühen 90er Jahre Fünfjahrespläne kannte, inspirieren lassen, für industrielle Innovationen und das System der Dualen Ausbildung von Deutschland. Doch nun wird der einstige Schüler, seit er erwachsen und selbständig geworden ist, von seinen Lehrmeistern zum Gegner erklärt. Das mag aus der Perspektive der USA, die um ihre dominante Rolle im Weltsystem fürchten, noch verständlich sein, wenn auch nicht unbedingt vernünftig. Die Europäer schaden sich aber mit diesem Kurs definitiv selbst. Denn während China Europa nicht mehr braucht, ist umgekehrt Europa sehr wohl auf China angewiesen. Nicht nur für seltene Erden, ohne die in der Wirtschaft fast gar nichts mehr geht, sondern auch für den ökologischen Umbau und den Weg in eine neue Friedensordnung. Auf die USA ist dabei auf absehbare Zeit kaum zu zählen. Zeit für eine eigenständige Außenpolitik, die bei allen unvermeidlichen Differenzen und Konflikten auf Respekt, gegenseitiges Verstehen und Kooperation setzt.
Dieser Artikel erschien am 5.7.2026 in der Berliner Zeitung. Die englische Fassung findet sich hier.
Foto: Fumiko / Wikimedia Commons
[1] „The American dream, that dream of a land in which life should be better and richer and fuller for every man, with opportunity for each according to his ability or achievement.“ James Truslow Adams: Epic of America, 1931
[2] https://www.worldbank.org/en/news/press-release/2022/04/01/lifting-800-million-people-out-of-poverty-new-report-looks-at-lessons-from-china-s-experience
[3] https://data.worldbank.org/indicator/SI.POV.GINI?locations=CN
[4] UNEP: Green is gold: The strategy and actions of China’s ecological civilization, https://reliefweb.int/report/china/green-gold-strategy-and-actions-chinas-ecological-civilization
[5] https://www.nature.com/articles/s43247-025-02323-z
[6] https://www.futura-sciences.com/en/china-planted-78-billion-trees-and-seriously-messed-up-its-water-cycle_32327/
[7] https://www.iea.org/policies/11896-law-on-air-pollution-prevention-and-control
[8] https://www.iea.org/reports/world-energy-investment-2025/china
[9] https://energy.ec.europa.eu/topics/funding-and-financing/clean-energy-investment_en
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