Das Empire wankt. Wie der Krieg gegen den Iran die Vorherrschaft der USA am Golf beenden könnte

Mehr als zwei Wochen nach Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs gegen den Iran, haben die USA und Israel ihr Kriegsziel eines Regime Change noch immer nicht erreicht und es ist unwahrscheinlich, dass sie es auf diese Weise erreichen werden. Die Geschichte zeigt: Durch Luftschläge allein werden in der Regel keine Siege errungen und erst Recht nicht Regierungen gestürzt. Im Gegenteil: Angegriffene versammeln sich oft hinter den Machthabern, insbesondere wenn der Aggressor, wie in diesem Fall, auch Schulen und Krankenhäuser bombardiert. „Rally behind the flag“ heißt das im Englischen.

Doch der Krieg könnte für die USA weit mehr als nur eine teure gescheiterte Mission werden. Der iranische Beschuss von US-Stützpunkten und anderen Zielen in den Golfstaaten bringt die gesamte Machtarchitektur der Region ins Wanken. Zum einen zeigen die Raketeneinschläge, dass die USA nicht in der Lage sind, die Golfstaaten zu verteidigen. Erinnern wir uns: Der historische Deal in den 1970er Jahren zwischen den USA einerseits und Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten andererseits ruhte auf zwei Säulen: Die Monarchien verkaufen ihr Öl exklusiv gegen Dollar und investieren überschüssige Petrodollars in den USA. Dadurch war ein permanenter Finanzstrom Richtung USA und Wall Street gesichert. Im Gegenzug boten die USA den Golfländern technologische Modernisierung und vor allem: Sicherheit.

Die zweite Säule dieses Deals bricht nun vor unseren Augen zusammen. Die US-Militärstützpunkte erweisen sich nicht nur als weitgehend nutzlos gegen die iranischen Raketen, sondern darüber hinaus auch als Belastung für die Golfstaaten, weil sie vortreffliche Ziele abgeben. Hinzu kommt, dass beträchtliche Teile der Bevölkerung in den Golfstaaten diese Stützpunkte schon seit langer Zeit ablehnen. In Bahrein etwa, dessen Bevölkerung zu 60 Prozent aus Schiiten besteht, war großer Jubel zu beobachten, nachdem es dem Iran gelungen war, das dortige Hauptquartier der 5. US-Flotte schwer zu treffen. Die US-Präsenz erweist sich damit auch als ein potentieller Faktor innenpolitischen Aufruhrs.

Die Schwere der Schläge gegen US-Stützpunkte ist außerordentlich. Dem Iran ist es zum Beispiel gelungen, zwei zentrale Radaranlagen in Jordanien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu zerstören, die für die Zielführung der THAAD-Raketen unabdingbar ist – ein zentraler Baustein in der Abwehr iranischer Raketen. Es würde viele Monate, wenn nicht Jahre dauern, diese Anlagen, die Milliarden Dollar kosten, wiederaufzubauen. Auch andere wichtige Stützpunkte wurden getroffen, etwa die Air Base Erbil im Irak, der größte US-Luftwaffenstützpunkt in dem einst besetzten Land.

Diese Situation könnte noch deutlich dramatischer werden, wenn die USA und Israel tatsächlich auf einen Mangel an Abfangraketen zusteuern. Schon im 12-Tage-Krieg gegen den Iran im Juni 2025 wurden diese Raketen knapp – ein wesentlicher Grund, warum die USA und Israel damals auf einen Waffenstillstand setzten. Nun neigen sich die Arsenale, wie verschiedene Medienberichte zeigen, möglicher Weise einer Erschöpfung zu. Die ohnehin lückenhafte Abwehr gegen den Iran wäre damit entscheidend geschwächt, Teheran könnte mit seinen unterirdisch gelagerten Raketen und Drohnen noch effektiver angreifen.

Die USA haben sich zudem als unfähig erwiesen, die Straße von Hormus offen zu halten, trotz Donald Trumps Versprechen, Schiffe zu eskortieren. Sein verzweifelter Appell an die NATO und andere Verbündete, Schiffe in den Persischen Golf zu entsenden, unterstreicht den Ernst der Lage. Die Tatsache, dass alle Verbündeten der USA – vom Vereinigten Königreich und Deutschland bis hin zu Australien und Japan – Trumps Bitte abgelehnt haben, ist ein demütigendes Zeichen für die zunehmende Hilflosigkeit und Isolation der Vereinigten Staaten. Die Straße von Hormus ist die zentrale Lebensader der Golfmonarchien; nicht nur die Öl- und Erdgasexporte hängen von ihrer Schiffbarkeit ab, sondern auch lebenswichtige Importe. Bleibt sie über einen längeren Zeitraum geschlossen, werden die Volkswirtschaften und Gesellschaften am Golf mit weiteren Turbulenzen konfrontiert sein.

Während die Führung der Golfmonarchien allmählich erkennt, dass die USA sie nicht schützen können und sogar den Krieg in ihre Länder tragen, untergraben die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges ihre Machtbasis noch weiter. Das Geschäftsmodell der Golfstaaten beruht auf Stabilität. Sowohl der Tourismus, als auch die Auslandsinvestitionen gründen auf dem Versprechen einer heilen Glitzerwelt, die von den permanenten Kriegen in den Nachbarstaaten abgeschirmt ist. Doch auch dieses Model bricht vor unseren Augen zusammen. Welche Superreichen wollen noch Inseln vor Dubai kaufen, wenn sie dort nicht vor Raketen sicher sind? Und wenn die zahlungskräftige Klientel ausbleibt: Welcher Investor will dort noch Milliarden riskieren?

Der Krieg hat auch die Verwundbarkeit der Süßwasserversorgung in der Region gezeigt. Die Entsalzungsanlagen, die beispielsweise 70 Prozent des Süßwasserverbrauchs von Saudi-Arabien bereitstellen, lassen sich durch wenige iranische Raketenschläge auslöschen. Ohne Süßwasser aber können auch Supereiche nicht überleben. Und wer glaubt, im Zweifelsfall schnell außer Landes zu kommen, könnte sich verrechnen: Zu Beginn des Krieges wurden von einem Tag auf den anderen die Miet-Privatjets knapp, weil kaum noch ein Anbieter das Risiko tragen wollte. Die Luxusenklaven werden so zur Falle.  

Viele der Ölmonarchien haben in den letzten Jahren ihre Ökonomien diversifiziert. Eines der neuen Standbeine sind Datencenter der großen US-Konzerne Amazon, Google, Microsoft, Palantir, NVIDIA, Oracle etc. Doch der Iran hat bereits Amazon-Datencenter in Bahrein und den Emiraten angegriffen, mit erheblichen Auswirkungen auf die digitalen Dienste. Die iranische Führung hat darüber hinaus eine Liste von 31 Datencentern vorgelegt, die sie als „legitime Ziele“ betrachtet, weil sie auch für das US-Militär genutzt würden. Sollten einige davon getroffen werden, wäre das ein harter Schlag nicht nur gegen die regionale Wirtschaft und Daten-Infrastruktur, sondern auch gegen einen zentralen Baustein der US-Vorherrschaft.

Selbst wenn der Krieg in relativ kurzer Zeit enden sollte – woran der Iran kein Interesse hat –, werden die Auswirkungen auf die Region und das geopolitische Gefüge gewaltig sein und sich erst in den Jahren danach voll entfalten. Die Golfmonarchien werden für ihr politisches und ökonomisches Überleben nach neuen Modellen suchen und sich mehr noch als jetzt in Richtung Asien und vor allem China orientieren, das als Hort der Stabilität erscheint. Vielleicht werden sie dabei auch Schritt für Schritt Verträge über US-Militärstützpunkte, die zunehmend als Belastung erscheinen, kündigen. (Der Irak hatte damit schon vor dem Iran-Krieg begonnen.) Es könnte der Anfang vom Ende der US-Dominanz am Golf sein.

Der Artikel erschien erstmals in der Berliner Zeitung am 17. März 2026.

Englich version on Substack: The Empire Is Shaking. How the War Against Iran Could End U.S. Hegemony in the Gulf